

„Wie können wir sie unterstützen?“, „Prima, dass es das gibt. Ich kannte das Beratungsnetzwerk bisher gar nicht!“ „Natürlich sind wir dabei. Es ist toll, dass ihr an uns denkt und wir unsere Erfahrungen mit einbringen können!“ Auf viel positive Resonanz trifft das Anliegen des vom beratungsNetzwerkhessen im Anschluss an den Openspace im Rahmen der im September 2010 in Butzbach durchgeführten Bilanzierungstagung beschlossenen Vorhaben: „Hearing Opferperspektiven“.
Das Projekt, das von einem Team der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank e.V. unter Leitung von Christa Kaletsch und in Kooperation mit dem hessischen Jugendring durchgeführt wird, folgt dem Anliegen der Erweiterung der Perspektiven im Beratungsnetzwerk. Dabei geht es insbesondere um das Kennenlernen und Wahrnehmen von Bedürfnissen und die Entwicklung von Handlungsstrategien für potentiell von Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betroffener Akteure. Zentrale Fragen, des für das beratungsNetzwerkhessen durchgeführten Projektes sind: Gibt es Bedarf von potentiell Betroffenen, die bisher nicht wahrgenommen wurden und für die das beratungsNetzwerk Angebote entwickeln muss? Gibt es zivilgesellschaftliche Akteure in der pluralen Gesellschaft Hessens, deren Perspektiven auf das Thema wichtig und für die Beratungsarbeit unverzichtbar sind? Gibt es dabei Akteure, deren Kooperation mit dem Beratungsnetzwerk wünschenswert wäre?
Zum Hintergrund des Projektvorhabens:
Ausgehend von der – von den Beraterinnen und Beratern des Beratungsnetzwerks zur Mobilen Intervention gegen Rechtsextremismus in ihrem Beratungsalltag wahrgenommenen –
Erfahrung, dass die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in der Regel auf eine Beschäftigung mit den Handlungen der Akteuren der extremen Rechten reduziert ist, geht es darum, eine Perspektiverweiterung vorzunehmen. Bei der Entwicklung von Strategien zum Umgang mit Rechtsextremismus wird vor allem von den Beobachtungen, Analysen und Bewertungen der rechten Täter ausgegangen. Selten steht die Frage im Raum, was diejenigen brauchen, die sich von rechtsextremen, rassistischen, antisemitischen und menschenfeindlichen Anfeindungen bedroht fühlen. Opferperspektiven wahrnehmen bedeutet demnach, die Frage nach den potentiell Betroffenen und nach dem was sie brauchen zu stellen. Es bedeutet aber auch zu fragen, welche Handlungsstrategien sie entwickelt haben, welche Sichtweisen sie auf Rechtsextremismus haben und welche Auseinandersetzungen sie mit diesen Themen führen. Diese vielfältigen Sichtweisen müssen in zivilgesellschaftliche Handlungsstrategien einbezogen werden, da (potentiell) Betroffene Teil der Zivilgesellschaft sind. Die Täterfixierung gilt es bewusst zu überwinden und bei der Entwicklung von Handlungsstrategien in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus stärker von der Wahrnehmung und den Ideen aller Akteure auszugehen, die damit konfrontiert sind.
Dabei ist es wichtig – den wissenschaftlichen Erkenntnissen folgend – bei der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismusbegriff von der Anschlussfähigkeit an die sogenannte Mitte der Gesellschaft und die wechselseitige Beeinflussung rechtsextremer und alltagsrassistischer, diskriminierender Diskurse und Verhaltensweisen auszugehen. Die Erkenntnisse der Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit können dabei handlungsleitend sein. Entsprechend folgt die Recherche und Auswahl der Ansprechpartner für das „Projekt Hearing“ einem inklusiven Konzept. Es geht daher insbesondere auch darum, die der Pluralität der Gesellschaft in Deutschland entsprechenden Perspektiven bewusst wahrzunehmen und gemeinsam zivilgesellschaftliche Handlungsstrategien und Kompetenzen zu entwickeln. Entsprechend hat sich im Projektverlauf auch die Fragestellung differenziert und präzisiert (und wird sich sicher auch im weiteren Verlauf noch modifizieren). Wurde anfangs explizit nur nach der Wahrnehmung und Betroffenheit in Bezug auf „Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus“ gefragt, geht es nun darum von der Wahrnehmung und den Ideen aller Akteure auszugehen, die sich in einer zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Antihomosexualität und Antiziganismus und Menschenfeindlichkeit befinden. Als sehr wichtig hat sich auch herausgestellt, die Gesprächspartner vor allem als Akteure wahrzunehmen und sie nicht auf die potentielle Betroffenheit zu reduzieren. Entsprechend ist der Begriff „Hearing Opferperspektive“ als Arbeitstitel zu begreifen und bedarf unbedingt der Modifizierung. Zentral ist dabei, der Schutz und die Stärkung aller Akteure, die in einer Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Antihomosexualität und Antiziganismus und Menschenfeindlichkeit stehen. Dabei ist es wichtig, die möglicherweise sehr unterschiedlichen Bedürfnisse wahrzunehmen und bewusst zu machen, dass es nicht die Opferperspektive gibt.
Projektschritte und Informationen zum bisherigen Projektverlauf:
Zur Umsetzung des Projekts zur Erweiterung der Perspektiven („Hearing Opferperspektiven“) wurden bisher mit 15 verschiedene zivilgesellschaftlichen Akteuren (Vereinen und Verbänden) Kontakt aufgenommen. So zum Beispiel: TuS Makabi, Hanauer Flüchtlingshilfe und Beraterteam der Landesregierung für gleichgeschlechtlicher Lebensformen, sowie LAG Soziale Brennpunkte Hessen und der Initiative Schwarzer Deutscher. In der Regel werden in einem ersten Informationsgespräch, das Anliegen des Projektes erläutert und die verschiedenen Beteiligungsmöglichkeiten vorgestellt. Dieses Erstgespräch ist immer auch die Gelegenheit, das beratungsNetzwerkHessen, das den meisten Gesprächspartnern bis zu diesem Kontakt nicht bekannt war, vorzustellen. Im Rahmen dieses Gesprächs klärt sich, ob im nächsten Schritt, ein leitfragengestütztes Interview durchgeführt werden kann und ob, Interesse besteht, an dem Hearing teilzunehmen. Die Interviews werden transkribiert, mit den Interviewpartner/innen abgestimmt und sollen in einer Broschüre des beratungsNetzwerkshessen – in der das Projekt erläutert und die verschiedenen Perspektiven dargestellt werden – veröffentlicht werden. Bisher haben sieben Erstgespräche stattgefunden. Mit TuS Makabi, der Alevitischen Jugend, der Sozialabteilung der jüdischen Gemeinde Frankfurt, Ditib Landesverband Hessen und der Flüchtlingshilfe Hanau fanden bereits leitfadengestützte Interviews statt. Zwei weitere sind schon fest terminiert. Fünf Akteure haben ihre Teilnahme am Hearing bereits fest zugesagt.
Das Hearing soll Ende Januar stattfinden und in Absprache mit den eingeladenen Interviewpartner/innen vorbereitet werden.